Juli 2015 / Anton Berman / Musiker / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner - Anton Berman - 1

Wo bist du aufgewachsen, und was oder wer hat dich geprägt?
Ich bin in einer weiß-blauen Platte in einem grünen Bezirk am Fluss der Moskva in Moskau aufgewachsen. Der Kindergarten war zwei Minuten von der Haustür entfernt und die Schule drei Minuten.
Den Sommer verbrachten wir in einem kleinem Dorf ca. 350 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Dort gab es Kühe, Pferde, Traktoren, Pilze im Wald, einen Brunnen, kein warmes Wasser, einen Ofen und eine Dorfdisco.
Ich erinnere mich sehr gut an die Fahrten ins Dorf. Das erste Auto, was mein Vater hatte, war ein „Saporoshez“. Ich denke, es ist mit einem Trabi vergleichbar. Mit diesem Auto fuhren ich, meine Mutter, mein Vater, meine Schwester, unser Kater, unser Hund und die Schildkröte über sechs Stunden vollgepackt ins Dorf. Dabei hörten wir Musik. Ich habe es geliebt, Mixtapes aufzunehmen. Ich weiß nicht, worauf ich mich mehr freute: auf die Fahrt oder auf die Kassetten. Seitdem verbinde ich die Autoreisen mit einem Soundtrack.

Wir hatten in Moskau ein Klavier, und das Klavier hat mich zum Komponieren gebracht. Oder genauer gesagt die Unlust Klavier zu üben (da meine Mama mich ein wenig zwang für die Musikschule zu üben).
Später hat mich mein damaliger Klavierlehrer, der ein großer Fan von Dimitri Schostakowitsch, Red Hot Chili Peppers und King Diamond war, besonderes geprägt. Er hat mich oft zum Angeln mitgenommen und mir zu meinem 13. Geburtstag ein Klavierstück komponiert.
Zu erwähnen wäre auch die erste russische Waldorfschule, wo ich Blockflöte spielen lernte. Dann, nach zwei Jahren, bekam ich Angst nichts gelernt zu haben, und so wechselte ich wieder auf die normale Schule. Die Blockflöte aber nahm ich mit!
Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir alles, was ich wollte, ermöglicht haben und bei allem mitgemacht haben… ich hatte auch eine pinkfarbene E-Gitarre, mit der ich mich in einer Punkband versuchte.

Mit welchem Ort fühlst du dich aus deiner Kindheit verbunden?
Mein Kiez in Moskau und das Dorf, in dem ich seit 16 Jahren nicht mehr war.
Ein Stein am Wasser, wo ich mit Oma Mascha picknickte.
Der Klang des Regens im Zelt, wenn man nachts schläft.
Schneebedeckte Birken im eisigen Winter.

Wie ist es dazu gekommen, dass Musik dein Steckenpferd geworden ist?
Meine Oma sagte zu mir, ich solle einen vernünftigen Beruf erlernen. Ihr Traum war, dass ich Arzt werde. Ich war 16, und wir sind gerade nach Deutschland gekommen. Ich wollte damals Erzieher werden, weil ich nicht wusste, dass man mit Musik Geld verdienen kann.
Ich habe ein paar Jahre bei einem Sonntags-Brunch-Cafe Klavier gespielt und zwischen den Pausen gekellnert, und ich habe für jegliche Amateurtheatergruppen Musik geschrieben. In der Zeit lernte ich den Aachener Schriftsteller und Künstler Wolfgang Vincke kennen, mit dem ich diverse Lesungen und Projekte realisierte. Danach kam der Jugendclub des Aachener Theaters, und es drehte und rollte immer weiter… Berlin, Tübingen, dann Heidelberg und wieder Aachen, diesmal als Schauspielkomponist fest engagiert.
Aachen war für mich eine tolle Stadt, die mir sehr viele Möglichkeiten und tolle Menschen geschenkt hat!

Was ist dir bei deiner Musik wichtig?
Ich liebe es, mit Musik Geschichten zu erzählen. Ich mag, wenn die Musik abwechslungsreich ist, wenn sie einen überrascht.
Ich behandle Musik nie als Zustand, ich mag nicht, wenn man ihr eine bestimmte Richtung oder einen Rahmen gibt. Ich finde, sie muss von jeglichen Definitionen frei bleiben.
Ich rede hier natürlich von meiner kompositorischen Motivation. Da ich jedoch oft für Theater, Tanz und Film komponiere, steht die Musik nicht immer für sich allein. Also muss ich mich zurücknehmen, da es noch viele weitere Ebenen gibt, die die Geschichte genauso tragen und miterzählen.
Genauso wichtig ist mir, dass Musik Humor hat, einen gewissen Witz. Gleichzeitig eine Traurigkeit, die sich bis ins Dunkel verliert.
Eine süße Dunkelheit.

Wofür liebst du deinen Job besonders?
Ich mag meinen Job, weil ich ganz viele tolle Menschen kennenlerne, neue Städte, neue Länder entdecke, verschiedene Sprachen höre. Wenn mich jemand anruft, während ich vor dem Mikrofon Quietsch- und Gurgelgeräusche aufnehme, zu sagen: ich arbeite!

Gibt es für dich Unterschiede, ob du ein Stück für ein Theaterstück, einen Film oder Tanzstück komponierst?
Es kommt sehr darauf an, mit wem ich zusammenarbeite. Ich versuche, immer mit einem Regisseur/in eine gemeinsame Sprache zu kreieren. Wenn es gelingt, dann wird die Arbeit, zumindest für uns, zu etwas Wertvollem, Besonderem. Wenn ich aus einer Arbeit etwas mitnehmen oder danach sagen kann ‘ich habe etwas für mich entdeckt’, dann war das eine gelungene Produktion. In dieser Hinsicht ist es also egal, ob ich für Theater, Tanz oder Film arbeite. Die jeweiligen Entwicklungsprozesse können aber auch sehr verschieden sein: Ich stehe bei Theater- und Tanzproduktionen meistens mit auf der Bühne, habe somit die Freiheit, in den Proben sowie während der Vorstellung lebendig und wach zu bleiben um mit der Musik variabel zu sein. Beim Film dagegen wird die Musik fast eintätowiert, dafür kann ich mich mehr auf Nuancen konzentrieren.

Hast du einen großen Traum als Musiker?
Mein großer Traum bzw. Wunsch ist es, meine Disziplin in den Griff zu bekommen. Um 6 Uhr morgens aufstehen, um in der Lage zu sein, zwischen anderen Aufträgen und Jobs eigene Projekte ernsthaft zu verwirklichen.
Viele Alben veröffentlichen auf schön gestalteten LPs.
Ich möchte mit meiner nun schon seit zehn Jahren bestehenden "Internationalen Hochschule für Bikeballet und Balletdesign Istanbul" eines Tages aus der Imagination in die Realität springen, um eigenständig Produktionen finanzieren und gestalten zu können.

An welchen Plätzen auf der Welt geht dein Herz auf und warum?
An Plätzen, an denen man gerne Tee trinkt.
In Wohnungen, wo man gerne willkommen ist.
Mit Menschen, die gerne und schön lachen.
An Orten, wo man sich nicht beeilen muss. Da, wo man lauschen kann. Da, wo man nicht einsam ist!

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Anton Berman wurde 1983 in Moskau geboren. 2005 gründet er die imaginäre "Internationale Hochschule für Bikeballet und Balletdesign Istanbul". Von 2005 bis 2008 ist er als Schauspielkomponist am Theater Aachen fest engagiert. Danach arbeitet er als freier Musiker für die unterschiedlichsten Theaterhäuser und Tanzprojekte. Mit einigen Inszenierungen tritt er in Maastricht, Moskau, Mailand, Paris und Bogota auf. Besonders liegt ihm die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am Herzen. Das "Theater an der Parkaue" in Berlin-Lichtenberg ist deswegen ein wichtiger "Arbeitsort" für ihn. 2011 erhält er für seine Arbeit in der Produktion „Radau“ am Theater an der Parkaue Berlin den Ikarus Preis.
Seine ganz eigene Musik – unabhängig von Theatern – verwirklicht er in verschiedenen Bandprojekten, u.a. im Klezmerpunktrio IGRA (www.trio-igra.de) und in der Band "Baba Dunyah" (www.dunyah.de).
2015 hat er die Filmmusik für den Dokumentarfilm "Father, Mother, Me" von Schauspielerin Nadja Bobyleva (siehe Interview Februar 2013) realisiert. www.antonberman.de

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